Frontbriefe
Samstag, 13. September 2014
...Grautöne
george peter j. | 13. September 14
>Freitag 2200<
Der Wind gab heute den Ton an. Dunkle Nacht vor meinem Fenster. Die Birke entzieht sich meinem Blick. Sie hat mir etwas hinterlassen. Das Fensterbrett, die Lautsprecher, der Schreibtisch voll von ihren Samen. Die Kirche ergibt sich dem hellen Leuchten der roten Blinklichter eines Brückenpfeilers.
Keine Krähen, nur die Autos sind noch da.

Wieder angewurzelt, diesmal Musik.
Grau war heute die Farbe des Seins. Nicht bedrückend, eher bestärkend. Mit der Hilfe des Windes, der nicht nur die Wolken über den Himmel peitschte, sondern auch die potenziellen Gäste über den Markt. Wenige hielten Stand und bewirkten, dass die Kollegin sich eine Jacke überzog, oder ich das Tablett mit beiden Händen halten musste. Erfrischend.
Mein Stammplatz, wenn wenig los, ist die Eingangstür. Im Rücken die Geräusche der Kaffeemühle das Geklapper aus der Küche, leise Musik. Direkt vor mir der Wind, der Markt, die Menschen. Ein Wechselbad aus warm und kalt, leise und laut.
Feierabendbier nebenan. Nach Hause. Da bin ich nun. Es war ein gedankenvoller Heimweg.
Multi-Tasking könnte man sagen. Während des Lesens eines Werkes meiner Lieblingsautorin kamen viele Gedanken. Der Inhalt des Buches blieb jedoch hängen, trotz dessen. Die Gedanken hingegen, so präsent sie auch waren, hat der Wind schlussendlich weggefegt. Es waren gute Gedanken, detailreich, intensiv. Die Botschaft blieb. Zum einen, dass ich unbedingt einen meiner besten Freunde wiedersehen sollte. Freunde im Herzen, Brüder im Geiste. Zum anderen, dass ich in naher Zukunft, mit einer in vorherigen Texten erwähnten Person nicht nur Gedanken, sondern auch Leidenschaften teilen will. Verlangen macht sich breit. Der Mut wächst.
In diesem Sinne, danke fürs Zuhören. G.P.J.

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Realitäten und andere Süchte
george peter j. | 12. September 14
>Freitag 1130<
Der Wind gibt im Moment den Ton an. Blauer Himmel vor meinem Fenster. Die Birke peitscht. Meine täglichen Gäste, eine Gruppe Stare klammert sich an den oberen viel zu dünnen Zweigen. Wir wünschen uns einen guten Morgen. Wie so oft.
Die Kirche hat heute was erhabenes, so als wolle sie die Zeiten in der sie erbaut wurde wieder heraufbeschwören, ihre Macht auf den Betrachter zur Schau stellen. Krähen untermalen mit ihrem Gesang die Szene. Nur die Geräusche der Autos holen mich zurück.

Eine fesselnde Stimmung. Ich sitze seit einer Stunde, wie angewurzelt. Keine Musik, nur Denken.
Worüber? Genau darüber denke ich nach.
Wiedermal fliegen die Worte um meinen Kopf und ich mache mich zaghaft daran sie zu ordnen.
Inkonsequent, so fühlt es sich an. Heute wäre mir eine andere Realität lieb. Das Abtauchen in die Welt der Computerspiele, allein, oder Online, via Teamspeak, grenzenlose Zockerei mit nur einer Konsequenz. Verlorener Zeit.
Stundenlanges zelebrieren von irgendwann immer wieder Gleichem. Statistik vorantreiben. Leveln. Eine Story dahinter? Uninteressant. Kreativität? Wenn der richtige Titel gespielt wird, vielleicht.
Eine Sucht? Durchaus.

Was hindert mich daran? Genau dies hier. Ich bin Konsequenter geworden. Noch vor Monaten hätte es vielleicht nur einen Text gegeben und danach hätte ich wahrscheinlich nicht mal mehr die URL gekannt, geschweige mein Passwort, oder ähnliches.

Dies alles hier zu Schreiben ist zu einer neuen Realität geworden, anders, näher. Denn aus Ihr spricht die echte Realität des Lebens. Lebe ich dieses Leben, oder bin ich nur Betrachter eines vorbeiziehenden Films?

Beides ist richtig, nach meiner Meinung.
Mir gefällt es, mich einfach mal zurückzustellen und der Welt um mich den Vortritt zu lassen, mir etwas zu erklären, zu zeigen. Daraus ziehe ich Lehren für mich selbst und mein Handeln, und mit Glück gehe ich dann als ein besserer Spieler zurück auf die Bühne und beherrsche einen neuen Text.

Die intensiven Prozesse des Beobachtens, Denkens und Erinnerns sind zu einer Art Sucht geworden.
Begleiten mich mittlerweile den ganzen Tag. Wie ein Autor der seine Notizen macht, zu Ideen, Sätzen, Dialogen, so verbringe auch ich viel Zeit damit, das Gesehene und Gehörte schon vor Ort in Worte zu kleiden, welche Ihr schlussendlich hier lesen könnt.
Das ich süchtig bin spiegelt sich darin wider, dass ich gestern noch nach Notizblöcken für die Hosentasche gesucht habe um auf ihnen in Zukunft Dinge zu notieren, sollte ich mal nicht die Gelegenheit haben, noch am selben Tag zum Schreiben zu kommen.
Entwicklung, oder doch schon Abhängigkeit?
War es vorher der erste Akt, nach dem nach Hause kommen, den Rechner anzuwerfen und die Playlist anzumachen, so öffnet sich jetzt wie von Geisterhand ein weißes Textdokument. Es bleibt erst einmal weiß, aber es ist präsent. Dann die Rituale, sich einrichten, und dann, irgendwann kommt der Fluss. Heute war es eher ein steiniges gewundenes Rinnsal das sich jedoch stetig zu einem sanft sprudelnden Bach entwickelt hat.
Erfrischend.

In diesem Sinne, danke fürs Zuhören G.P.J.

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Nummer 7
george peter j. | 12. September 14
>Freitag 0037<

Tagesgeschäfte
Ja ich habe fast alles geschafft was ich mir vorgenommen habe. Aber eben nur fast. Ämter.
Öffnungszeiten verdreht. Zu spät gekommen. Nun denn, hier irgendwo soll doch der Briefkasten sein. Wichtige Post erledigt. Belohnungszentrum springt wieder an. Die Verabredung, oder doch nicht? Vielleicht habe ich am Telefon einfach nur etwas falsch verstanden. Nichts schlimmes daran. Ich betrete den Markt und blicke, wenn auch schon hunderte male getan, immer noch gebannt die Fassade des Rathauses empor. Schöne Farbe heut, rostrot in der spät nachmittaglichen Sonne. Ab ins Kaffee. Cappuccino groß. Auf der Terrasse sitzen Kollegen. Smalltalk. Auf zum Wasser.
Hier war ich noch nicht. Ich betrete ein Restaurant. „...Toilette und ein kleines Bier für draußen, bitte...“ Setzen, Buch zur Hand, Zigarette. Eine Wespe versucht sich ins Bier zu stürzen. Sanft schiebe ich sie beiseite.
Zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Der Trainer
Kaum saß ich da, hörte ich von rechts ein leichtes Schnaufen. Ich erblickte fünf Jungs, ca. 12 Jahre alt. Verschwitzt und sichtbar erledigt. Sie waren gelaufen. Ein Mann kommt aus dem Restaurant, Trainingsanzug. Die Aufschrift auf seinem breiten Rücken bringt Licht ins Dunkel. Boxtrainer. Den ersten Satz den er spricht richtet er an den Jungen der am meisten mit der Atmung zu kämpfen hat. Voll des Lobes. Verbesserung wurde erkannt. Für die Zukunft motiviert. „ Du bist schon so gut geworden, warte bis November und du wirst sehen....“ Er wurde leiser. Klopfte Schultern, sprach leise weiter, aber mit Nachdruck. Erklärte, vereinbarte Ziele mit jedem Einzelnen. Sie stellten Fragen, bekamen Antwort. Während des ganzen gab er ihnen Wasser aus einer Flasche. Sie hatten die Hände frei, jedoch brachte er ihnen bei zu trinken, als würden sie im Ring stehen und Handschuhe tragen. Sie übten sich. Einer verschluckte sich, begann zu husten. Worte der Entschuldigung, Verbesserung. „...Du musst den Kopf so halten. Ja so, siehst du so geht es. Gut gemacht mein Junge. Und jetzt weiter, bis zur Sporthalle, zieht dort schon mal eure Boxstiefel an.“ Sie liefen los, lachten, hatten Freude, trotz der Anstrengung. Der Trainer verabschiedete sich im Restaurant, stieg aufs Fahrrad und folgte den Jungen. Ich musste Schmunzeln. Solche Trainer hätte ich früher auch gern gehabt.
Der Kellner kassiert. Mir scheint als hätte die ruhige Art des Trainers alle verzaubert. Ich blicke mich um und sehe nur lächelnde Gäste, das Personal ist entspannt, nichts gekünsteltes, nur ehrliche Freundlichkeit. Lächelnder Abschied.

Ich stelle fest, dass ich noch Zeit habe bevor der Bus kommt. Buchhandlung, stöbern. Leicht enttäuscht stelle ich fest, dass der hintere und für mich interessante Teil geschlossen ist. Man erklärt mir, es würde Umgebaut für eine abendliche Lesung. Ich nehme das dazugehörige Buch, sammle Informationen, jedoch ohne, dass mein Interesse groß geweckt wird. Ich verlasse den Laden und entdecke zwei Freunde. Verliere sie hinter mehreren Grußkartenständern aus den Augen. Moment mal, dachte ich...machte einen zügigen Schritt nach rechts und da standen sie. Wir lachten, umarmten uns. Sie haben auch mich entdeckt und wollten mich überraschen. Ist gelungen, so oder so. Ich erzählte von der Lesung im Buchladen. Sie wusste sofort um was und wen es ging und rief vor lauter Begeisterung ihrem Freund zu, sie wolle dort hin. Ich hieb ihm auf die Schulter und verabschiedete mich. Sie zog ihn freudestrahlend davon, während er mir im vorbei Eilen einen wehleidigen Blick zuwarf und die Augen rollte. Ich musste lachen und ging sichtlich erheitert weiter.

Wieder zurück zum Markt, nochmal Ausschau halten nach meiner Verabredung. Nichts. Noch einen Cappuccino, klein für unterwegs. Ich nehme den Bus.
Ich steige als letzter ein. Der Busfahrer betrachtet meinen fast vollen Becher(mit Deckel) und sagt ganz langsam. „Also wenn Leute mit Kaffee zu mir in den Bus steigen....“ Ich wartete auf das Ende des Satzes. Er sprach nicht weiter, machte aber auch keine Anstalten mir mein Ticket zu geben. Ich meinte ich werfe ihn weg wenn es sein muss und wollte mich gerade umdrehen, um noch schnell zum Mülleimer zu gehen. Er hielt mich zurück „Nein nein, aber für die Zukunft...“ ich unterbrach ihn, „....dann bring ich Ihnen einen mit.“ Er musste lachen, erklärte mir aber dass es eine Ausnahme sei, da er Ärger bekommen könnte, wenn man mich erwische. Er winkte mich durch und sagte in meinem Rücken, „ wie mans in den Wald reinruft...“ Ich drehte mich um, nickte ihm dankend zu und wir fuhren los.

Eine Familie steigt ein. Der Sohn um die 9 Jahre alt trug die Schultasche seiner Schwester und seine eigene. Stand etwas abseits und versuchte die Aufmerksamkeit seines Vaters zu erhalten. Er war ein bisschen lauter. Der Vater hob ganz langsam einen Finger zu den Lippen und bedeute ihm mit einem sanften „schhhh“ ruhiger zu sein. Der Junge wurde ruhig. Ich ließ den Blick schweifen. Volles Kontrastprogramm. Lauter grimmige Gesichter. Viele blickten auf den Jungen, einige auf den Vater. Zwei schüttelten die Köpfe. Weit links von mir, in einer der letzten Sitzreihen hörte ich einen Mann meines alters zu einer für ihn offensichtlich fremden. „Der Bengel soll bloß nicht auf die Idee kommen, sich hierher zu setzen.“
Wut steigt in mir auf, kaschiert hinter einem süffisanten Lächeln.
„Du bist ein Grund, warum ich diese Stadt einen Sumpf von Spießern schimpfe.“ ging es mir durch den Kopf. Ich besann mich, auf den Trainer, die Gäste im Restaurant, die Freunde, den Busfahrer, auf den Vater und seinen Jungen. Es gibt Lichtblicke.
In diesem Sinne, danke fürs Zuhören. G.P.J.

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